ZERO

Das Wiederaufleben einer Avantgarde der Nachkriegszeit

Günther Uecker und das Kunstnetzwerk ZERO
„Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero dreht sich.
Zero ist der Mond. Die Sonne ist Zero. Zero ist weiss.“

                                                                                                          (ZERO-Manifest, 1963)

Mit dem Begriff ZERO meint man nicht nur die Werke der deutschen Künstlergruppe, sondern auch ein internationales Kunstnetzwerk. ZERO ist eine der letzten großen avantgardistischen Bewegungen in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Was zwischen 1958 und 1966 in den Ateliers von Otto Piene und Heinz Mack und später bei Günther Uecker sowie bei Ausstellungen europaweit und öffentlichen Performances geschah, wurde über Jahrzehnte nicht eingehend gewürdigt. ZERO wurde eine „vergessene Avantgarde“, wie es im Katalog zur großen internationalen Retrospektive 2015 im Martin-Gropius Bau in Berlin und im Stedelijk Museum in Amsterdam heißt. Diese umfangreichste Schau seit 50 Jahren entstand in Kooperation mit dem Solomon R. Guggenheim Museum als Beginn der Wanderausstellung im Herbst 2014 sowie der ZERO foundation in Düsseldorf und dem Stedelijk Museum. Seit einem Jahrzehnt kann man von einer ZERO-Renaissance sprechen, die in diesem Jahr durch die Retrospektive, verschiedene Biennalen sowie viele Auktionsrekorde ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Ein fulminantes ZERO-Jahr geht zu Ende. Die über die Kerngruppe von Mack, Piene und Uecker hinausgehende Künstlerbewegung schuf eine Utopie von Grenzenlosigkeit, Schönheit und Immaterialität einer zwischen Technik und Natur angesiedelten Kunst. Die Grundprinzipien waren die Visualisierung von Licht, monochrome Malerei, Bewegung, serielle Strukturen und die Aktivierung des Betrachters. Das gemeinsame Ziel war die Schaffung einer künstlerischen Zone neuer universeller Sensibilität. Viele europäische Künstler gingen Ende der 1950er Jahre radikale Wege und standen dabei im Austausch mit Protagonisten wie Lucio Fontana aus Mailand und Yves Klein aus Paris, die die Kunst durch ein gemeinsames überbildnerisches Denken neu definierten, das interdisziplinär sowohl Bildobjekte und plastische Prozesse als auch Installationen in der Natur und im öffentlichen Raum einbezog. Man erkennt heute, wie früh sich mit ZERO Aktionskunst, Pop-Art, frühe Minimal-Art, Land-Art und Fluxus vorbereiteten.

20150607 134748Die neue Richtung in der Kunst war durch ein energetisches Klima geprägt, das die Konkretisierung von Licht und Bewegung durch Rhythmen und Strukturen anstrebte. Alle Künstler befanden sich in einem permanenten experimentellen Stadium und suchten nach Ausdrucksweisen jenseits von Farbe und Komposition. Die Oberflächen wurden durch ungewöhnliche Eingriffe mit Feuer, Licht oder mit Rastern und Maschinen manipuliert und dadurch das Tafelbild transformiert und teilweise überwunden. Das Ergebnis waren intensive optische und ästhetische Erfahrungen. Die Künstler der ZERO-Bewegung strebten es an, eine neue Zukunft für die Kunst in der absoluten Gegenwart zu schaffen und die Gesellschaft zu ästhetisieren. Dies sollte durch die Schaffung eines totalen und immateriellen, geistigen Raumes erreicht werden, in einer Zeit der Technikutopien und der großen Fortschritte in der Raumfahrt. Mit ZERO wurde eine neue Freiheit für die Kunst jenseits einer Festlegung auf Medien und Begrenzungen ausgerufen.

20150607 134213Die deutsche Gruppe ZERO stand im Zentrum der internationalen Avantgarde in den ausgehenden 1950er Jahren. Die Künstler Heinz Mack und Otto Piene wurden zu den wichtigsten Theoretikern und vernetzten sich als romantische Künstler-Ingenieure mit vielen weiteren monochrom und lichtkinetisch arbeitenden Künstlern in Europa. Sie begannen als Duo Abendausstellungen in ihren Ateliers in Düsseldorf auszurichten und gründeten 1958 die Keimzelle für das große Künstler-Netzwerk. ZERO sollte Kunst und Leben verbinden, es gab keine Trennung zwischen künstlerischer Praxis und Leben. Durch ZERO-Demonstrationen und -Feste wurde die Öffentlichkeit zur direkten Teilhabe eingeladen, um ebenso Teil von ZERO zu werden. Um diesen Energiefluss als Vibration und als Bewegungsreflex direkt vom Bild auf den Betrachter ausgehen zu lassen, war eine Reduktion nötig. Die Monochromie und die häufige Verwendung von Weiß waren dabei ein wichtiger Aspekt in der Erneuerung künstlerischer Praktiken. Der Begriff ZERO selbst symbolisierte weiß. Das Weiß als Nicht-Farbe und zugleich Summe aller Farben stand für Reduktion, Gegenwart, Stille, Immaterialität und Schweigen. Es sollte Schönheit schaffen und das Nichts umschreiben. Die Künstler machten tabula rasa und wählten als Inbegriff von Reinigung und Transzendenz das Weiß. Durch ihre Kunst sollte eine hellere und optimistischere Welt als Befreiung von der Last der Geschichte der Nachkriegszeit und von überlebten Kunsttraditionen beschworen werden. Bei ZERO-Festen stiegen neben Seifenblasen eine Vielzahl von weißen Ballons, die noch zusätzlich atmosphärisch angestrahlt wurden, in den nächtlichen Himmel auf. Bei der 1961 in der Galerie Schmela stattfindenden ZERO-Demonstration war Günther Uecker zum ersten Mal aktiv und schuf eine „Weiße Zone ZERO“ durch die weiße Bemalung der Straße vor der Galerie.

 

uecker02Uecker fing mit seinen Nagelbildern an, nicht mit Farbe, sondern mit Licht zu malen. Die Nagelbilder sollten das gemalte Bild ablösen. Er bezeichnete den Nagel als „Lichtfänger“. Dieser war zugleich Motiv, Werkzeug und Ideenträger. Durch die Einwirkung des natürlichen Lichts und die weiße Bemalung werden die Nägel ästhetisch entmaterialisiert. Mit dem Nagel greifen die Arbeiten von Uecker zudem in den Raum aus und bilden eine Brücke zwischen Malerei und Skulptur. In den späteren Lichtscheiben kamen auch Rotoren hinzu, die die Bildobjekte in Bewegung setzten. Die seriell angebrachten Nägel bilden offene Felder, die differenzierte Licht-Schattenwirkungen ermöglichen, das Licht konkret modulieren und die aggressive Gestik des Hämmerns in ästhetisch-meditative Bildraumobjekte umsetzen. Viele Werke von Uecker strahlen eine energetische Aufladung und spirituelle Kraft aus. Die Felder aus Nägeln, die der Düsseldorfer Künstler kontinuierlich bis in die Gegenwart schafft, reflektieren auch den Verlauf seines Lebens mit  psychischen und physischen Befindlichkeiten. Sie verbinden Aktion mit Kontemplation und umschreiben den Fluss der Zeit und die Unendlichkeit in Form des Strömens und der Spirale.

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Die Galerie Mensing stellt verschiedene Nagelprägedrucke, die ebenso offene Felder und Lichtmodulationen durch in Papier geprägte Nagelformationen bilden, sowie Unikate des bedeutenden ZERO-Künstlers Günther Uecker deutschlandweit aus. Es lebe die ZERO-Avantgarde!

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